Der Schönhof und das Rathaus in Görlitz

Der Schönhof und das Rathaus in Görlitz

Wie aus den Tagesblättern bekannt geworden ist, stand der Schönhof in Görlitz, dieses prächtige und ehrwürdige  Baudenkmal, in Gefahr, abgebrochen zu werden und einem Warenhause Platz machen zu müssen. Der Versuch des Magistrats, dieses für Görlitz, seine Kunst und Geschichte so wichtige und merkwürdige Haus für die Stadt zu erwerben, scheiterte an der Forderung von 160.000 Mark, welche, sei sie in ihrer Höhe berechtigt oder nicht berechtigt, durch die Stadtverordnetenversammlung abgelehnt wurde. Ob ein anderer Weg gefunden werden kann, das Baudenkmal vor der Vernichtung zu bewahren, ist zweifelhaft, obschon vor kurzem ein Ortsstatut zum Schutze der Baudenkmäler der Stadt Görlitz von den städtischen Körperschaften angenommen ist. Es lohnt darum wohl, etwas näher auf seine Bedeutung einzugehen.

Die Denkmalpflege 1908, Schönhof Brüderstraße 8, Abb. 01

Abb.01

Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Rathaushof Gerichtserker, Abb. 02

Abb.02

Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Schönhof, Abb. 03/04

Abb.03 / 04

Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Rathaushof Archivflügel, Abb. 05

Abb.05

Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Rathaustreppe Säule, Abb. 06

Abb.06

Unmittelbar neben der weltbekannten Rathaustreppe (Abb. 10), diesem Kleinode der Renaissance, mit ihrer reizvollen freistehenden, von der Justitia gekrönten Säule und ihrer reich gezierten Kanzel erhebt sich der Schönhof. Er trägt die Jahreszahl 1526 an zwei verschiedenen Stellen und gilt deshalb als das älteste, zeitlich bestimmte Renaissancehaus Deutschlands. Wendel Roßkopf, der Stadtbaumeister von Görlitz, dem es zugeschrieben wird, führte mit diesem Bau (Abb. 1 u. 8) die Renaissance in Schlesien ein. Die zahlreich in Görlitz erhaltenen Bürgerhäuser aus jenem Zeitabschnitt weisen in ihrer Anlage und Gliederung auf jenen Bau zurück. Die Straßenseite ist, abgesehen von dem späteren Portaleinbau, unverändert in ursprünglicher Form erhalten, und auch im Inneren läßt sich trotz späterer Einbauten die ursprüngliche Anlage ohne Schwierigkeiten herausschälen.

Dies Baudenkmal ist ein steinerner Zeuge für den Reichtum und die Pracht, für die Kunstliebe und den freiheitlichen Sinn des damaligen Patriziertums. Mit der Erbauung des Schönhofes wird gänzlich mit der alten gotischen Bauweise gebrochen. In unmittelbarer Nachbarschaft des gotischen Rathauses, mit seiner damals vermutlich noch unverputzten Backsteinfassade, das nur aus dem Turm mit spitzem gotischem Helm und dem Marktflügel mit einem Untergeschoß und einer Halle im Obergeschoß bestand (Abb. 9), wird in einer ganz fremden Bauweise ein Sandsteinpalast errichtet mit einem noch nicht dagewesenen Aufwand an Gesimsen und Zierat im Äußeren und Inneren. Das war nicht nur die Tat eines Künstlers ersten Ranges, eine völlig neue Bahn entschlossen zu betreten, auf der bis dahin nur in Kleinbauten hier und da der Versuch gemacht war, sondern auch die Tat eines Bauherrn großartigen Sinnes, von allem Hergebrachten abzuweichen und derartige Mittel für diese neuen Gedanken zu verwenden. Diese Tat ist der Keim für die Görlitzer, Oberlausitzer und schlesische Renaissancebaukunst geworden. Die Görlitzer Fassadengliederung, das eigenartige Pilastergerüst ohne Gebälk nur mit schwachen Bindegliedern tritt hier zum ersten Male auf (Abb. 1 u. 8). Völlig frei schaltet der Künstler mit den Gliedern und Formen der Renaissance. Er verschmäht dabei auch nicht die Lust am Humor. Unter dem Brüstungsgesims des zweiten Stockwerkes springt aus dem übereck gesetzten Erker ein Hirschkopf hervor mit mächtigem Geweih, der dem Hause eine eigenartige Umrißlinie verleiht. Ein Widderkopf trägt konsolartig die untere Auskragung des Erkers, närrische Köpfe lachen aus den Kragsteinen heraus. Einzelne dieser Fratzen erinnern durch ihre Form und das flache, über den Rand der Platte nicht oder nur wenig hervortretende Relief sowie durch die Linienführung an Terrakottaplatten, wie sie in gleicher Größe an Backsteinbauten in Stendal vorkommen.

Auch in anderen Einzelheiten greift der Künstler auf die Formen der gotischen Backsteinkunst zurück und führt sie in Sandstein aus. Über den Fenstern des ersten und zweiten Stockwerks sind Friesstücke eines übereck gestellten Zahnschnitts ausgeführt, wie ihn zu dieser Zeit in dieser besonderen Art nur der Backsteinbau kennt. Durch diesen Anklang dürfte ein besonderes Licht auf die zur Zeit des Neubaues vorhandenen Bauten, im besonderen auf die ursprüngliche Marktfront des Rathauses geworfen werden. Steckt doch heute noch unter der Putzhaut des Rathauses und seinem Renaissancegesicht eine gotische, wohlgefugte Backsteinfront mit drei mächtigen Spitzbogenfenstern, die zu der großen Halle oder dem Fürstensaale gehörten und später durch andere Fenster ersetzt sind. Bei Beseitigung des alten schadhaften Quaderputzes von 1873 und Neuabputz konnte dies der Unterzeichnete feststellen. Auch die Dreifaltigkeitskirche auf dem Obermarkt in Görlitz ist trotz ihres Sandsteinmaßwerks ein gotischer Backsteinbau mit Terrakottakonsolen und Köpfen.

Der Meister des Schönhofes, Wendel Roßkopf, bindet sich an kein strenges Schema und gießt über sein neues Werk einen Reichtum reizvoller Bildungen aus. Da sind zahlreiche Kragsteine für Bogenanfänge im Inneren des Schönhofes, einst farbig bemalt, in zierlichster Sandsteinarbeit, keiner dem anderen gleich, Säulen in Aufbau und Ausstattung (Abb. 3 u. 4) wetteifernd mit der Formenfülle des Schmucks der äußeren Front. Eine schöne und dankbare Aufgabe wäre es, das Äußere und Innere vom Staub und der vielfachen Kalktünche, von dem Unwesen der Reklame zu befreien und aus seiner Verkommenheit, durch welche die alte Pracht nur dem Suchenden entgegenleuchtet, zu erretten, die Decken, teils angetragene alte Stuckdecken, teils gemalte, unter Putz verborgene Holzdecken in ihrer alten Schönheit wieder herauszuholen und das verwahrloste Prunkstück Alt-Görlitzer Baukunst wiederherzustellen.

Nachdem der Meister am Schönhof seine Fähigkeit bewiesen, wird ihm der Neu- und Erweiterungsbau des Rathauses übertragen. Beide Bauten sind aus einem Guß und gehören baukünstlerisch eng zusammen. Die Bildhauerarbeiten am Schönhof sind von derselben Hand ausgeführt wie die an der Kanzel und der Säule der Rathaustreppe (Abb. 6 bis 8 u. 10). Dasselbe schöne Motiv der um den Säulenschaft geschlungenen Krone, das die Säule an der Treppe so reizvoll schmückt (Abb. 6), findet sich an zwei Säulen im Inneren des Schönhofes im ersten Stock (Abb. 4). Wie im Schönhof die Konsolen mit ihrer Meißelarbeit einst bemalt waren und noch die Reste davon tragen, so zeigen die Schmuckteile der Säule an der Treppe heute noch reiche Farbenspuren von Rot, Gold, Weiß und Schwarz deutliche erkennbar, wie Unterzeichneter nach Entfernung des Staubes feststellen konnte. Auch das herrliche spätgotische Wappen des Matthias Corvinus von 1488 an der Wand über der Treppe (Abb. 10) prangte einst in Gold und bunter Farbe, wie einzelne Spuren beweisen. Am Portal des Rathauses waren die tellerartigen Kreisfüllungen der Seitengewände (Abb. 10) mit rotem Marmor gefüllt, der heute noch vorhanden ist, aber jede Farbenpracht eingebüßt hat.  – So war einst die Rathaustreppe mit Portal und Kanzel und dem Wappen in Verbindung mit dem Schönhof ein Prachtstück, nicht nur in der Erfindung und frischen Formensprache der ganzen Anlage, sondern auch in der Wirkung der leuchtenden Farben, in der reichen Vergoldung und in der Schönheit des feinkörnigen Sandsteins. Besondere Schmuckstücke auch noch durch Farbe zu betonen, ist ja dieser Zeit nicht fremd.

Der Schönhof ist aber nicht nur mit der Rathaustreppe unmittelbar verwandt, auch der schöne Archivflügel am kleinen Rathaushofe (Abb. 5), dessen alte Schönheit im letzten Jahre aus dem Kalkputz herausgeschält worden ist, stammt  von Meister Wendel Roßkopf. Der Archivflügel trägt die Jahreszahl 1534, ist also acht Jahre nach dem Schönhofneubau errichtet, während die Kanzel an der Rathaustreppe das Jahr 1537 zeigt, also drei Jahre nach dem Archiv und elf Jahre nach dem Schönhof entstanden ist. Der Archivflügel zeigt dieselben Glieder und eigenartigen Umkröpfungen der Fensterprofile wie der Schönhof, denselben Pilasteraufbau, dieselbe Grundform der Kapitelle, die Verwendung der Rautenform als Schmuck, nur alles viel reicher, feiner und reifer durchgebildet. Der Meister, der beim Schönhof hier und da noch getastet hat, hat sich beim Archivbau zur vollen Reife entfaltet und beweist bei dem Treppenbau die höchste Meisterschaft. Dieselben Steinmetzen haben am Archivbau wie am Treppenbau gearbeitet, dasselbe Zeichen findet sich wiederholt an beiden Architekturstücken Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Steinmetzzeichen 01 , und am Schönhof fast gleichartig nebeneinander. Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Steinmetzzeichen 02Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Steinmetzzeichen 03  Es ist wohl anzunehmen, daß beide Zeichen von demselben Steinmetz stammen, da auch am Archivbau nebeneinander diese Zeichen vorkommen Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Steinmetzzeichen 04Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Steinmetzzeichen 05 . Es ist nun die Feststellung des Unterzeichneten höchst merkwürdig, daß das Steinmetzzeichen Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Steinmetzzeichen 06 , welches am Archiv und an der Treppe sich befindet und augenscheinlich am Schönhof wiederkehrt, auch an dem spätgotischen Portal der Kirche von Ebersbach bei Görlitz, welches jetzt Fenster ist, sich ebenfalls befindet. Dieses spätgotische Portal ist nun aber ein vereinfachtes Abbild eines reicheren Portals, welches sich mit genau denselben Stabüberschneidungen, derselben kerbschnittartigen Musterung der unteren Stabsockel im Nachbarhause neben dem Schönhofe befindet. Es hat somit derselbe Steinmetz, der die schönen Renaissancearbeiten der Kanzel und Treppe schuf, sich von den hergebrachten gotischen Formen des Nachbarhauses und der Kirche in Ebersbach zu den neuen, frischen Renaissanceformen des Schönhofes und der Meisterschaft an Archiv, Kanzel und Treppe emporgearbeitet. Am Archivbau hatte er eine Reihe von Mitarbeitern, welche mit zahlreichen Zeichen sich verewigt haben. Es finden sich folgende mehrfach an Fenstergewänden und Bogen angebracht.

Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Steinmetzzeichen 07 Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Steinmetzzeichen 08

So greifen die Fäden hinüber und herüber und verschlingen sich und verbinden Rathaus und Schönhof zu einem untrennbaren Ganzen.

Von derselben Größe der Auffassung und Frische der schöpferischen Erfindungskraft, wie beide, der Schönhof und der Treppenbau, in ihrer Gliederung und in den Einzelheiten sind, sind sie auch in ihrer Stellung und Anordnung im Straßenbilde.

Meisterhaft ist die Aufgabe, Schaffung eines geschlossenen Straßenbildes, Berücksichtigung aller Verkehrsforderungen gelöst. Der Schönhof wird als Abschlußbild weit in die Straße hineingezogen und der Fußgängerverkehr durch seine untere offene Halle geleitet (Abb. 1). Diese Hallenbildung, mitten in die Straße gestellt, mag der Anstoß für alle Nachbarn gewesen sein, nun auch mit offenen Hallen anzuschließen, denn das oben erwähnte ältere gotische Portal liegt in der Bauflucht, und die Hallenvorbauten, „die Lauben“, sind alle jüngeren Ursprungs als die Schönhofhalle. So wird der Markt von den Lauben allmählich auf drei Seiten umschlossen (Abb. 9) und erhält so vielleicht nur durch den Vorgang des Schönhofes sein malerisches Gepräge, das jede fremde Zutat entstellen würde. Der Fahrverkehr der Straße wird in schlanker Kurve um den vorspringenden Hallenvorbau links zum Untermarkt herumgeführt in genügender Breite und läßt am Rathausturm und dem zurücktretenden Rathausflügel einen dreieckigen Winkel frei, in welchen dann die Treppe mit der Kanzel hineingedichtet wird (Abb. 9 u. 10).

So erklärt ein Bau erst den anderen, so wirkt einer durch den anderen und macht ihn als künstlerische Meisterleistung erst vollkommen. Ohne Schönhof würde die Rathaustreppe für das Stadtbild nur ein Bruchstück und in ihrer Anordnung unverständlich sein, für die Kunstentwicklung in ihrer reifen Durchbildung aber ein Rätsel. Beide zusammen aber sind „ein Kabinettstückchen, das nicht nur formal mustergültig ist, sondern auch als poesievolle Leistung höchstes Lob beanspruchen darf“. „Ein Schmuckstückchen, das seinen Ruhm verdient“ (Lutsch, Textband zum Bildwerk schlesischer Kunstdenkmäler, S. 168). Ein Kaiser Ferdinand I. würdigte 1538 in den Maitagen unmittelbar nach der Fertigstellung das Werk seines Besuches.

Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Rathaustreppe, Abb. 07

Abb.07

Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Schönhof Brüderstraße 8, Abb. 08

Abb.08

Die Denkmalpflege 1908, Görlitz lageplan Untermarkt, Abb. 09

Abb.09

Die Denkmalpflege 1908, Görlitz Rathaustreppe Justitia, Abb. 10

Abb.10

Dem Schönhofbau folgen die anderen Bauten der Patrizier und Geschlechter jener baulustigen und unternehmungsfreudigen Zeit. Überall sieht man die Gedanken, die dort im Keime liegen oder schon entwickelt sind, wieder hervortreten oder weiter entwickelt. So ist auch der schöne Renaissanceerker von 1564 im kleinen Renaissancehof ganz vom Schönhof beeinflußt (Abb. 2). Dies tritt noch mehr zutage, nachdem im letzten Jahre die reizvolle Holzarchitektur gesäubert ist und durch den Unterzeichneten unter dem Kalkputz und Mauerwerk der Seitenwände des Erkers Sandsteingewände und Pfosten vermauerter Fenster aufgefunden sind. Nachdem nun der Erker wiederhergestellt ist in seiner ursprünglichen Form, wird auch er mehr gewürdigt werden als ein hervorragendes Werk deutscher Renaissance, das sich wohl behaupten kann neben der Rathaustreppe. In unmittelbarer Verbindung mit dem Archivflügel und dem hoch aufsteigenden Rathausturm mit seiner zierlichen Form und leuchtenden Patina wird so der Rathaushof zu einem ungemein malerischen Bild, dem auch der geschichtliche Hintergrund nicht fehlt. Auf ihn öffnen sich die alten gewölbten Verließe, bei denen noch eine alte eichene Bohlentür mit Guckfensterchen erhalten ist, hier stand das Schafott, hier wurden die furchtbaren Strafen der alten Zeitvollstreckt. Der Erker, in welchem der Gerichtsherr den Stab brach, ist ein echter Abkömmling des Schönhoferkers.

Wie der Schönhof nun so künstlerisch und Kunstgeschichtlich untrennbar mit dem Rathaus verbunden ist, so ist er auch mit der Stadtgeschichte verknüpft. Lange ehe die jetzige Renaissancearchitektur dort stand, meldet  schon die Ortsgeschichte, daß Könige, Kaisere und Fürsten hier ein- und ausgingen.

Hier weilte König Wenzel 1408, Kaiser Albrecht 1438, König Ladislaus Posthumus und mit ihm der spätere König Georg Pobjebrad 1454, der sächsische Kurfürst Johann Georg 1421. In diesem Hause hatte in den Kämpfen zu Anfang des dreißigjährigen Krieges der Hohenzoller Johann Georg sein Hauptquartier während mehrerer Monate. In der Geschichte keines anderen Hauses der Stadt mit Ausnahme des Rathauses findet man eine solche Fülle von hohen Namen aus der älteren und ältesten Zeit. Wenige Bürgerhäuser im Deutschen Reiche mag es geben von gleichem Alter, bei denen der Besuch historischer Größen mit Jahrestag und Datum so fest verbürgt ist wie beim Schönhof, ja, er mag als die älteste und schönste Fürstenherberge gelten, die Deutschland aufzuweisen hat.

Eine Herberge für Fürsten und hohe Gäste, erbaut vermutlich von der Stadt Görlitz selbst und durch ihren Stadtbaumeister, würdig der Stadt, die auf der Höhe ihres Reichtums und ihrer Macht stand, trägt sie den Namen „Schönhof“ seit ältester Zeit  bis auf den heutigen Tag, so recht ein Name für einen Gasthof der Könige. Bei Durchforschung des außerordentlich reichen und wertvollen Görlitzer Ratsarchivs ließe sich vielleicht noch manches Wichtige darüber feststellen. Vielleicht künden auch zwei am Erker befindliche Wappen für den Kundigen näheres über seine Entstehung.

Die gewaltigen Gewölbe der Keller, zwei übereinander, die mächtige untere Eintrittshalle, jetzt freilich verbaut, die breite, aufsteigende Treppe zum Hauptgeschoß, die weiträumige palastartige Anlageneben dem Reichtum an plastischen Sandsteinarbeiten aus feinkörnigem, weit herbeigeschafftem Stein, alles spricht dafür, daß dies Haus nicht nur ein Patrizierhaus, sondern ein Repräsentationsbau war, bestimmt, den mächtigen Gästen ein imponierendes Bild von dem Reichtum und der hohen Kultur, Bildung und Fortschritt des Bürgertums zu geben. Geht doch heute noch die Sage, daß vom Schönhof einst eine Brücke unmittelbar hinüber zum Rathaus in den fürstlichen Bankettsaal führte, damit der hohe Gast nicht die Straße zu betreten brauchte.  Weder am Rathause noch am Schönhof sind freilich Spuren davon vorhanden, doch mag es auch nur Sage sein, so ist es doch noch ein Niederschlag der leider  vergessenen Überlieferung, daß Rathaus und Schönhof untrennbar zusammengehören.

Die Anbringung des Wappens des Matthias Corvinus am Rathausturm gegenüber der Fensterseite des Schönhofes durch „die Ehrsamen Burgermeister und Rathman dysser Stad … zu eren dem allerdurchtigsten großmechtigsten fursten und hern hern Mathie zu Hungern … (in ein wergstucke zu hawen) … ober den eingang des Rothauses … eingemawert …“ im Jahre 1488 (worüber eine höchst merkwürdige Urkunde erhalten ist), an einer Stelle also, wo es nur vom Schönhof her und weder vom Untermarkt noch von der Brüderstraße her, sondern nur von den hohen Gästen der Stadt gesehen wird, macht diese Vermutung noch annehmbarer.

Die unlösbare Zusammengehörigkeit von Rathaus und Schönhof in Görlitz dürfte somit seit ältester Zeit nicht nur künstlerisch, sondern auch geschichtlich unanfechtbar sein. – Wenn die schönen Sandsteinarbeiten von den dicken Farbschichten der Jahrhunderte gereinigt und auch im Inneren die lichten freien Räume hergestellt sein würden, dann wird auch weiteren, fernerstehenden Kreisen die Schönheit und der besondere Wert des ehrwürdigen Baudenkmals klar werden. Möge das Schicksal, das dem Schönhof jetzt droht, eine günstige Wendung nehmen und eine Lösung  sich finden lassen, die das Baudenkmal, das nicht dem Besitzer, nicht Görlitz, sondern ganz Deutschland und seiner Kunstgeschichte angehört, nicht nur erhält, sondern zu neuer Schönheit erstehen läßt.

Freiberg i. Sachsen

Techn. Stadtrat Rieß