Rathaus (Untermarkt 6-8)

An dem ehemaligen Bürgerhaus Untermarkt 8, heute Haupteingang des Görlitzer Rathauses, blieb eine Renaissancefassade aus dem Jahr 1530 erhalten, die allerdings im Zusammenhang mit dem Rathausneubau 1902/03 aufgestockt wurde.
Das dahinter befindliche Gebäude passte man zu dieser Zeit ziemlich konsequent den neuen Anforderungen an ein „modernes“ Rathaus an, so dass kaum noch historische Details im Inneren zu finden sind. Der im 16.Jh. entstandene Teil der Fassade folgt den Gestaltungsprinzipien der Görlitzer Frührenaissance, die Reihung der Fenster und deren Verbindung durch Gesimse und Pilaster. Das Portal des Hauses wurde erst 1556 errichtet. Seine Gestaltung, insbesondere die beidseitige Säulenstellung, stellt für die Görlitzer Renaissancearchitektur eine Besonderheit dar.
Es gibt in der Stadt nur eine einzige Parallele: das Portal des Biblischen Hauses.

 

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Aus dem Markthause entwickelte sich in vielen anderen Kolonialstädten das Rathaus. Auch in Görlitz ist wohl, wie in Zittau ), das Markthaus in den ersten Zeiten hölzern gewesen, und man kann es kaum ein Rathaus nennen. Denn 1298 verwahrte man eine höchst wichtige Urkunde nicht etwa im Rathause, sondern in einem Schranke der Peterskirche ); 1314 weilte Heinrich von Camenz, der landesherrliche Befugnisse hatte, bei einer Beurkundung nicht im Rathause, sondern im Hause des Bürgers Heinrich von Scharfenberg ); 1343 wurde eine Ratsrechnungslegung in dem Hause des Bürgermeisters Nicolaus von Hayn vorgenommen ). Daraus geht doch hervor, daß man bis 1343 noch kein eigentliches Verwaltungshaus hatte. Um nun der Raumnot abzuhelfen und um ein festes und baulich größeres öffentliches Gebäude zu erhalten, ist man um 1350 dazu übergegangen, ein ehemaliges Privathaus zu erwerben, um dort ein Prätorium, d.h. eine Gerichtsstelle, und ein Verwaltungsgebäude oder Rathaus (curia) einzurichten ). Seit dieser Zeit, also seit etwa 580 Jahren, steht das Rathaus oder genauer der Teil mit dem Turme und dem Zimmer des Oberbürgermeisters nebst dem Flügel an der Brüdergasse an der jetzigen Stelle. Zum ersten Male wird dieses Rathaus 1369 erwähnt ); 1378 ff. wird nach den Ratsrechnungen am Prätorium gebaut. Es hatte damals Giebel, sechs Erker und ein Türmchen ); 1380 zu Pfingsten tanzte man dort  ). 1393 erfahren wir, daß man an das Rathaus ein paar Jahre zuvor für den Herzog Hans ein Tanzhaus über den Kaufkammern gebaut hatte; dasselbe war jedenfalls von Holz und bot reichliche Nahrung für eine Feuersbrunst. Deshalb erlaubte der Herzog, es „abzubrechen und das alte Rathaus zu bauen )“. Das Tanzhaus wird an der Brüdergasse gelegen haben und wird damals in engster Verbindung mit dem alten Rathause umgebaut sein ). Der heutige Seitenflügel an der Brüdergasse mag in seinen ältesten Beständen aus der damaligen Zeit stammen. Im Sommer 1409 und 1410 fanden erhebliche Erneuerungsbauten statt: man baute am Turme und an dem Giebel über der Treppe und setzte einen Knopf auf und brach die alte Ratsstube ab  ).

Eine wesentliche Erweiterung erfuhr das Rathaus gegen 1450. Man hatte, um dem Platzmangel abzuhelfen und um eine neue Münze einzurichten, das nördlich anstoßende Haus (jetzt Untermarkt 7) gekauft, d.h. das Haus, in dem der südliche Rathauskeller und die Dienststuben darüber sich befinden. Noch jetzt hat dieser Teil ein besonderes und niedrigeres Dach als die alte Curia und eine besondere Nummer (7). Damals ist denn auch das Hinterhaus des neuerworbenen Hauses benutzt worden, um den alten Ratssessionssaal nach Norden zu erweitern. Die nördliche Hofseite in ihren älteren Teilen hat damals ihre noch jetzt vorhandene gotische Gestaltung bekommen ). Aber man ging schon nach 80 Jahren in der Erweiterung weiter, man erwarb gegen 1530 Untermarkt 8 d.h. die anstoßende Ecke der Langengasse.

Freilich blieb das Haus zunächst nur bis 1548 im städtischen Besitze. Die Finanznot, die der Pönfall 1547 herbeiführte, zwang zur Veräußerung. Doch schon nach sieben Jahrzehnten, im Jahre 1621, erwarb dasselbe Haus die Stadt wiederum zum Zwecke einer Münze. Da man mit der Geldprägung bald aufhörte, so verkaufte die Stadt es abermals 1634. In Privatbesitz ist dann auch das Haus Nr. 8 bis 1847 geblieben, wo diesen Bierhof für Verwaltungszwecke und um den jetzigen Stadtverordnetensaal zu bauen wiederum die Stadt erwarb.
Bei der letzten Erweiterung des Rathauses über die Pilzläuben hin bis in die Jüdengasse hinein ist dieses Eckgebäude in seinem Innern neuzeitlich gebaut, die alte, schöne Fassade aus dem Jahre 1556 hat man aber geschickt wieder benutzt.

Es ist nicht unmöglich, daß auch die ganze Rathausseite am Untermarkt in den ältesten Zeiten mit Lauben versehen gewesen ist. Der schöne Winkel an der Freitreppe weist vielleicht jetzt noch darauf hin, daß in seiner nördlichen Fortsetzung, bis zu den Pilzläuben, sich Laubenbogen befunden haben. Aber auch die Nordseite des Untermarktes scheint solche gehabt zu haben, wie denn bei Straßengrabungen Fundamente gefunden wurden.

 

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