Neißstraße 29 (Biblisches Haus)

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Die Fassade des Gebäudes Neißstraße 29 verkörpert die reifste architektonische Leistung der Hochrenaissance in Görlitz.
Der Name „Biblisches Haus“ erklärt sich leicht durch die in den Brüstungsfeldern des 1. und 2. Obergeschosses befindlichen Reliefs, die Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament zeigen.
Nachdem 1525 die gesamte Neißstraße und der südliche Teil des Untermarktes abgebrannt waren, erwarb der Weimarer Waidhändler Hans Heinze 1570 das Gebäude und baute es in den folgenden 2 Jahren grundlegend um.
Man kann davon ausgehen, dass das Gebäude damals noch einen Giebel trug, der möglicherweise ähnlich verziert war wie der untere Teil der Fassade. Aber nicht nur die Reliefs, auch die übrige reiche Gliederung der Fassade machen das „Biblische Haus“ zu einem der bedeutendsten Ergebnisse der deutschen Renaissance. Heute gibt es kaum noch vergleichbare Objekte in unserem Sprachraum. Die Anwendung so feingliedriger Reliefs für die Gestaltung der Gesimse und die Gliederung der Pilaster ist für Görlitz ein Einzelfall geblieben. Besonderes Augenmerk legte der Baumeister auch auf die Gestaltung des Portals.

Die beidseitig vorstehenden Säulen mit ihren Kompositkapitellen sind, wie auch die Kehlen der Laibungen, mit flachen Reliefs (Arabesken) überzogen. Der Torbogen ist nicht mehr, wie bis dahin in Görlitz üblich, mit quadratisch eingefassten Blüten verziert, sondern trägt ein durchgängiges Akanthusmotiv. Der Gaffkopf an der Stelle des Schlusssteines ist in ähnlicher Form bereits 14 Jahre früher am Portal des Rathauses (Untermarkt 8) eingefügt worden.
Im Inneren folgt die Struktur der Tradition des Görlitzer Hallenhauses. Trotz vieler Umbauten und Veränderungen ist sie noch sehr gut erkennbar. In einigen Bereichen wurden während der Bauforschungs- und Rekonstruktionsarbeiten auch die älteren Ursprünge des Hauses sichtbar. Bestandteil eines der Vorgänger des „Biblischen Hauses“ ist z.B. der „Ein-Stützen-Saal“ im Erdgeschoss. Unmittelbar darüber fanden die Bauforscher unter der vorhandenen Dielung einen mittelalterlichen Stampflehmboden. Er gehörte, wie die Befunde nach und nach ergaben, zu einer Blockstube, die sich ursprünglich an der Stelle des jetzigen Renaissancesaales befand.
Auf die gotische Zeit des Gebäudes verweist übrigens auch ein Brüstungsfeld aus filigran behauenem Sandstein, welches bei Umbauarbeiten Anfang des 20. Jahrhunderts geborgen wurde und heute im Kaisertrutz zu bewundern ist.
Alle Holzbalkendecken des 1. und 2. Obergeschosses stammen, so besagen dendrochronologische Untersuchungen, aus der Bauphase der Jahre 1570-72. In barocker Zeit wurden die Decken übermalt und später mit Schalungen verkleidet, verputzt und mit Stuck versehen. Die Decke des Renaissancesaales wurde, nach dem Entfernen später eingezogener Trennwände, von den Restauratoren freigelegt und mit Hilfe modernster Techniken restauriert. Auf diese Weise ist der ursprüngliche Zustand der Renaissancedecke wieder erlebbar. Die anderen Decken des Gebäudes wurden in ihrem barocken Zustand saniert.

Antithetisch einander gegenübergestellt finden sich in den beiden Brüstungsebenen der Obergeschosse folgende Darstellungen aus neuem und altem Testament:

Marias Verkündigung – Geburt Jesu – Jesu Taufe – das heilige Abendmahl – Jesu Kreuzigung
Erschaffung Evas – Sündenfall – Isaaks Opferung – Moses Gesetzgebung – Moses Schlangenerhöhung

Die Deutung der unmittelbar unter der Traufe befindlichen Allegorien gilt als unsicher.

Geschichte und Topographie der Stadt Görlitz; Richard Jecht, Görlitz 1927-1934:

Neißgasse 29 (353) ist nach dem Schönhofe das baulich berühmteste Haus in Görlitz. Seine Fassade stellt den Glanzpunkt der auf reiche Dekoration gerichteten Bestrebungen der Renaissance dar, die hier auf der Grenze zwischen Früh- und Hochrenaissance angelangt ist. Kraftvoll gegliedert, zeigt sie den Stockwerkaufbau der italienischen Renaissance in bewußter Durchführung. Früher, vor dem Brande 1726, trug die Straßenseite einen hohen steinernen Giebel, wie viele andere Häuser ). Das Gebäude ist von Hans Heinze ), den der Waidhandel von Weimar nach Görlitz gebracht hatte, 1570 neu aufgebaut, wie das in der Inschrift: Gott sei mein Helfer, Erlöser und Tröster, auf den verlasse ich mich allein, 1570, erweist ). Eine andere Inschrift über dem Türbogen: Got peware deinen Eingang und Ausgang zu ewigen Zeiden. Das Innere zeigt einen engen, hohen Görlitzer Lichthof; ein Gang ruht auf wuchtigen vorspringenden Kragsteinen und erinnert an die Hofgestaltung in Petersgasse 4. In dem Hause stand wohl das schönste Einzelstück der Görlitzer Hochrenaissance, ein durchbrochenes Brüstungsgitter, dessen schöngezeichnete Ranken von Knäblein und Vöglein durchfetzt sind, während zwei aufrechtstehende Landsknechte rechts und links Wache halten. Jetzt ist diese Prachtarbeit im Museum zu sehen. Der Hof ist ausgedehnt, ging aber schon 1728 nicht bis zum Handwerk durch. Besitzer: 1403, 1449 die Lauterbache, 1453 Martin Schleiffe, 1472, 1490 Jeronymus Schönheinze, 1496, 1510 Peter Frenzel, 1570, 1576 Hans Heinze, 1603 Noe Rober, 1675 Chirurg Michael Franke, 1700 Elias Göldner, Postmeister (die Post wurde 1703 von hier nach Obermarkt 32 verlegt), 1775,1813 die Göldner, 1829-1880 die Familie Bertram.

 

Literatur:

weiterführende Texte: